In Emmerich wird Elterntalk NRW seit Januar 2020 umgesetzt. Hier kooperiert das Jugendamt als Standortpartner mit dem Caritas-Verband Kleve e.V.. Gaby Niemeck leitet beim Jugendamt die Koordination der Bereiche Kinderarmut, Kinderförderung und Prävention. Andrea Rieu ist Erziehungsberaterin bei der Caritas. Gemeinsam reflektieren sie ihr Verständnis von Netzwerk-Arbeit.

AJS: Ihr setzt Elterntalk NRW seit einem Jahr um. Wie habt Ihr Euer Elterntalk-Netzwerk aufgebaut?

Gaby Niemeck: Im Wesentlichen sind wir zwei unterschiedliche Wege gegangen: Wir haben in der Presse zwei Infoabende angekündigt, zu denen Eltern kommen konnten. Daraus haben wir niemanden akquiriert. Trotzdem fand ich die Abende gut, weil getalkt wurde. Es war schön zu sehen, wie unterschiedlich Talks laufen können, welche Tipps sich Eltern untereinander geben und dass so ein Talk tatsächlich ein Selbstläufer ist. Bei einem der Treffen war auch das WDR-Fernsehen da, so haben wir für Bekanntheit des Projektes gesorgt. Aber die Akquise der Moderator*innen haben wir letztlich über das Netzwerk „Pro Kids“ in Emmerich machen können. Wir hatten Glück, dass wir direkt sieben Mütter gefunden haben, die sich vorstellen konnten, als Elterntalk-Moderatorin tätig zu werden.

Andrea Rieu: Das sind tolle Frauen und wir haben sie dank Deines Netzwerks so schnell gefunden. Du hast einfach schon sehr gute Netzwerkarbeit in Emmerich geleistet – das war ein Riesen-Bonus. Uns beiden ist diese Art nicht fremd, die bei Elterntalk wichtig ist, direkt auf Leute zuzugehen und sie persönlich anzubinden. Das ist, glaube ich, die einzige Art, wie es funktioniert. Wir haben es auch öffentlich versucht über Zeitung und Infoabende, aber was wir persönlich erfahren haben und was wir schon vom Elterntalk-Team und den anderen Standorten gehört hatten: Du bindest Leute nur über den persönlichen Kontakt, über direkte Ansprache! Und so war Gabys Netzwerk in Emmerich unser Grundstein.

Gaby Niemeck: Das Netzwerk „Pro Kids“ gibt es seit zehn Jahren mit vielen Kolleg*innen, auf die ich mich verlassen kann und die vieles mittragen. Ich habe ja „als Jugendamt“ nicht den direkten Kontakt zu Familien, sondern zu den Netzwerkpartner*innen. Also haben wir in der Netzwerkgruppe einen Talk gemacht: mit Kita-Leitungen, mit Schulsozialarbeiter*innen, mit Mitarbeitenden der Familienbildungsstätten. Dabei haben alle erfahren, was Elterntalk ist. Die Kolleg*innen haben dann in ihren Reihen nach Moderator*innen geschaut, zwei sind etwa über die Familienbildungsstätte zu uns gekommen.

Andrea Rieu: Du hast zwar nicht den direkten Kontakt zu Familien, aber Du hast den Kontakt zu den Netzwerkpartner*innen. Und ich erlebe Dich im Umgang mit diesen sehr persönlich. Da gibt es keine Schwelle zum Jugendamt, wie das sonst oft bei Institutionen ist, so ein Gefühl „Oh Gott, Jugendamt“. Du bist sehr direkt und persönlich im Kontakt und das können Deine Netzwerkpartner*innen weitergeben. Ich glaube, dies ist die Erfolgsformel: ein gepflegtes und verbindliches Geben und Nehmen. Auf dieser Grundlage funktioniert auch die Zusammenarbeit zwischen Gaby und mir. Es gibt ein großes, langjährig gewachsenes Vertrauen zwischen dem Jugendamt Emmerich und der Caritas, so dass es auch für so ein neues Projekt wie Elterntalk möglich war, von meinem Verband Befürwortung zu bekommen. Die Kolleg*innen wissen: Wenn Gaby Niemeck anfragt, dann ist es gut.

AJS: Den Moderator*innen in Elterntalk fällt eine Schlüsselfunktion zu. Was brauchen sie Eurer Meinung nach, damit sie gut in die Talks gehen können?

Gaby Niemeck: Die Schulungen, die Andrea und ich mit „unseren“ sieben Müttern gemacht haben, haben großen Spaß gemacht. Wir haben die Frauen auch zum Mittagessen eingeladen. Sie waren so dankbar, dass sie nicht kochen müssen, damit hatten sie gar nicht gerechnet. Es hat ihnen das Gefühl gegeben, es ist wichtig, dass sie da sind und dass wir nicht nur eine Schulung machen und sie danach wieder alleine lassen. Begleitung ist für sie sehr bedeutend: Sie brauchen Wertschätzung und natürlich gute Schulungsinhalte, Input und Erfahrung im Talk. Die eigene Talk-Erfahrung stärkt, damit sie mit gutem Gefühl rausgehen und ihren ersten Talk alleine meistern können. Dafür ist die Moderator*innen-Gruppe enorm wichtig – sie verstehen sich als kleines Netzwerk. Wir haben sie auch zu einem Fachtag hier in Emmerich eingeladen.

Andrea Rieu: Zu solch einer Veranstaltung eingeladen zu werden ist auch Wertschätzung. Das gibt ein Gefühl von Fachlichkeit und Kollegialität. Was auch noch wichtig ist: Durch die Schulung zur Dialogischen Haltung können die Moderator*innen ganz klar im Gefühl sein „Ich bin genau richtig, so wie ich bin, mit dem, was ich kann“. Weil es bei Elterntalk eben nicht darum geht, mehr zu wissen, Fragen zu beantworten, sondern darum, einen Raum zu bieten, zu spüren: „Wir sitzen als Eltern im selben Boot und stellen uns so in den Dienst der Gemeinschaft von Eltern.“
AJS: Welchen Mehrwert haben die Mütter und Väter, die als Moderator*innen tätig sind?

Gaby Niemeck: Das Gefühl, dass sie anderen Eltern helfen können, indem sie sie zum Austausch zusammenbringen. Das ist gut für das Selbstwertgefühl.

Andrea Rieu: Ein Mehrwert ist im doppelten Sinne die kollegiale Erfahrung von Zusammenhalt als Gruppe: Einmal in den Talks mit anderen Eltern und gleichzeitig auch in ihrem Moderator*innenkreis. Das hat man meist nicht, wenn man als Mutter zu Hause ist mit den Kindern und mütterliche Tätigkeiten macht. Ich weiß von mir selbst, wie gut es tut, in der Mutterrolle zu erfahren, dass ich gestützt bin, weil ich Kollegen-Mütter habe. Das fehlt Müttern oft. Vätern auch.

AJS: „Kollegen-Mütter“, schöner Begriff.

Andrea Rieu: Bei der Arbeit hast Du ein Team, Leute, mit denen Du quatschen kannst. Als Mutter oder Vater dagegen gehst Du durch diesen Tag und gehst oft sehr alleine. Manchmal hast Du das Gefühl, dass Du nach außen nur zeigen kannst, wenn es toll war – Geburtstage und tolle Torten, die Du gebacken hast. Aber wenn Du den dritten Geschwisterstreit beigelegt hast mit viel Nervenkraft, ist niemand da, keine Kollegin in der Teeküche, die Dir sagt: „Hey, das habe ich auch geschafft. Und wir leben noch. Machen wir weiter!“ So kannst Du den nächsten Tag leichter als Herausforderung statt etwas Zermürbendes sehen.

AJS: Und Eure Aufgabe ist es zu gewährleisten, dass diese Eltern-Vernetzung gut funktioniert.

Andrea Rieu: Ja, und das ist ein Geschenk für uns! Auch wir profitieren davon und erleben uns als Frauen in einer Gemeinschaft. Wir sind zwar in der fürsorgenden Rolle, trotzdem profitieren wir gleichzeitig von diesem Austausch unter Frauen und das ist für uns alle etwas Schönes. Wir ziehen auch für uns viel daraus und können die Impulse wieder weitergeben.

Gaby Niemeck: Die Moderator*innen-Gruppe ist echt richtig gut!

Andrea Rieu: Um das so machen zu können, haben wir auch vom NRW-weiten Elterntalk-Netzwerk unter allen Regionalbeauftragten profitiert. Ein Regionalbeauftragter mit viel Erfahrung in verschiedenen Kulturen sagte am Rande einer Elterntalk-Schulung zu mir: „Hör auf mit diesem deutschen ,Ich schreib freundliche E-Mails und verteile Flyer’. Das kannst du vergessen. Gerade wenn Du Eltern mit Migrationshintergrund ansprechen möchtest, geh hin, sei präsent, trink mit ihnen Tee und lass diese deutsche Organisation sein. Das funktioniert nicht!“ Das war für mich eine Erinnerung an meine Wurzeln als Sozialpädagogin. Wir sind wirklich oft so weit weg. Wir hocken vor unserem Computer, in so einem Türmchen. Für manches musst Du raus auf die Straße und wirklich da sein. Diese Erkenntnis begleitet mich immer wieder und ich wurde durch den Regionalbeauftragten daran erinnert.

AJS: Ihr habt beschrieben, wie gut es ist, aus dem Netzwerk zu schöpfen. Welches finanzielle und strukturelle Fundament ist aus Eurer Sicht dafür notwendig?

Gaby Niemeck: Für ein Jugendamt muss klar sein, dass es ein Budget dafür geben muss. Für das kommende Jahr muss ich schauen, ob ich es in den Jugendhilfe-Ausschuss gebe oder ob ich es als Gesamtbudget abbilde. Ohne Budget geht es nicht. Und es ist gut, wenn man nicht für jede Kleinigkeit fragen muss, Bewegungsfreiheit hat und auf Bedarfe schnell reagieren kann.

Andrea Rieu: Und es braucht zeitliche Ressourcen! Bei mir ist das über ein Arbeitszeitkonto geregelt. Da kann ich flexibel schauen, was gerade gebraucht wird. Mal ist es mehr Arbeit, mal sehr wenig. In die Schulungen geht natürlich viel Zeit rein. Es gibt aber auch Zeiten, da ist viel weniger Begleitung der Moderator*innen nötig.

AJS: Welche Tipps zum Netzwerkaufbau gebt Ihr?

Andrea Rieu: Fürsorge! Dranbleiben, versorgen und dieses Gefühl von Kollegialität füttern! Und im Aufbau wirklich den Schritt nach vorn machen, direkten Kontakt aufbauen und neugierig sein.

Gaby Niemeck: Ich bin zum Beispiel in die Familienbildungsstätte gegangen. Die Kollegin dort hatte drei Leute angesprochen und zwei haben nachher die Schulung tatsächlich gemacht. Sich einfach Zeit für solche Gespräche nehmen, ist der Tipp. Was genau hat es an Zeit gekostet? Ein bis eineinhalb Stunden? Mein Gott, eine Stunde, das muss man irgendwie mitbringen. Und wenn man gute Kolleg*innen hat, die Mütter ansprechen können, ist das sehr hilfreich.

AJS: Was wünscht Ihr Euch für das kommende Elterntalk-Jahr?

Gaby Niemeck: Dass wir talken dürfen! Corona war schon eine Bremse. Die Moderator*innen hatten gerade erst angefangen. Jetzt machen wir die ganze Zeit online etwas für die Moderator*innen. Aber ein echtes Treffen wäre schöner. Und an Online-Talks trauen sich unsere Moderator*innen noch nicht ran, nur eine hat es bisher ausprobiert.

Andrea Rieu: Die meisten Moderator*innen sind noch nicht an dem Punkt, Online-Talks durchzuführen. Ich glaube, sie brauchen noch viele kleine Erfahrungen mit realen Talks. Wir bleiben aber dran. In 2020 lag das Interesse der Talk-Teilnehmer*innen sehr beim Umgang mit der Corona-Krise. Der Austausch mit anderen Eltern war hilfreich, sich gegenseitig stärken zu können, sich nicht alleine zu fühlen mit dieser Pandemie-Situation. So ein Tool wie Elterntalk ist total sinnvoll, weil ganz klar ist: Wir sitzen alle im selben Boot. Es ist eine harte Zeit, aber zusammen kommen wir besser hindurch.

 

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